Geschichten

Erzähltes und Erlebtes

2009/5/17

Erste Begegnung mit dem Häuptling (Teil 3)

@ 03:56 AM (6 months, 10 days ago)
Das war die denkbar beste Einleitung, und bald fing auch er zu lachen an ... ohne allerdings auch nur einen Augenblick die Sagaje aus der Hand zu lassen, deren Spitze gegen mich gerichtet war. Ich rief nach meinem Kameraden Gerin, um ihm „meine Entdeckung" zu zeigen. Doch beim ersten Ton meiner Stimme war der Pygmäe plötzlich verschwunden, wie durch einen Zauberspruch.
Ins Lager zurückgekehrt, erzählte ich von meinem Erlebnis, und wir besprachen, wie wir den Kontakt mit den winzigen Eingeborenen am besten wieder aufnehmen könnten. Gerin begleitete mich bis an den Fuß des Baumes, in welchem ich den Pygmäen bemerkt hatte. Dort legten wir Salz - ein unersetzliches Nahrungsmittel in dieser Gegend - sowie verschiedene Glaswaren und Fleischstücke als Geschenk nieder. Als wir etwas später zurückkamen, waren Salz und Glaswaren verschwunden, das Fleisch zu unserem größten Erstaunen unberührt geblieben. Dieses Manöver wiederholten wir mehrfach, bis wir an Stelle unserer Geschenke Wurzeln, Erdwürmer und merkwürdige Insekten fanden, die wir noch nie gesehen hatten. Das Ganze war von Advokatnüssen umgeben. Dieses Mal blieben wir am Fuß des Baumes stehen und warteten. Es dauerte nicht lange und unser „neuer Freund" steckte seinen Kopf durch die Blätter. Wie beim ersten Mal musterte er uns lange und prüfend, ehe er sich entschloss, von seinem Ast herabzuklettern und näher zu kommen. Er machte uns ein Zeichen des Willkommens, das wir in unserer Weise erwiderten. Dabei bemühten wir uns jedoch, jede heftige Bewegung zu vermeiden. Wir wollten ihn nicht noch einmal erschrecken. Jedoch schien er inzwischen volles Vertrauen zu uns gefasst zu haben und bedeutete uns, ihm zu folgen. Er führte uns vor einen kleinen Mann mit lebhaftem und klugem Blick, mit einer Art Tierfell bekleidet. Es war der Häuptling, der kleinste Häuptling der Welt!
Nach vieler Mühe gelang es uns schließlich, uns durch Zeichen gegenseitig verständlich zu machen. Zu unserer großen Freude konnten wir so eine genaue Vorstellung vom merkwürdigen Leben dieses kleinen Völkchens gewinnen, dessen Tagesablauf viel mehr dem Leben eines Affenstammes als dem einer menschlichen Gemeinschaft ähnelt. Diese Wesen sind nicht nur die kleinsten Menschen der Welt, sie sind auch die primitivsten. Man stelle sich vor, dass sie den Gebrauch des Feuers nicht kennen und sich von Wurzeln, Raupen und rohem Fleisch ernähren. Ihre Hütte, wenn man mir den hochtrabenden Ausdruck gestatten will, wird aus Lianen und gerolltem Blattwerk geflochten und hoch oben in den Bäumen zwischen Astgabeln befestigt. Dort legen sie sich beim Anbruch der Nacht zum Schlafen nieder, im Gefühl, vor den wilden Tieren des Busches sicher zu sein.
Von ihren Vorfahren ist ihnen das Geheimnis überliefert, ein heftig wirkendes Gift zu bereiten. Dieses Gift tauschen sie bei den uns bekannten Pygmäenstämmen gegen Waffen ein. Sie wagen es aber nie, sich in die Dörfer dieser Menschen zu begeben, die für sie geradezu als Riesen erscheinen. Der Tausch wird mitten im Busch vollzogen. Die kleinen Menschen erwarten die Ankunft der Händler im Versteck ihrer Bäume und versichern sich, dass ihre „Geschäftsfreunde" nicht in größerer Zahl gekommen sind. Erst dann übernehmen sie die Waffen von den Händlern. Vor der Jagd werden die Spitzen der Waffen mit Gift behandelt.

2009/5/15

Menschen 2

@ 06:54 AM (6 months, 12 days ago)
Noch heute passiert es mir, dass ich mitten in der Nacht plötzlich erwache und lange Zeit von dem Alpdruck der Erinnerung an dieses seltsame, wilde Geflüster gequält werde.
Wir kamen nur Schritt für Schritt vorwärts; und wir waren dabei schon glücklich, überhaupt voran zu kommen. Eines Morgens — ich befand mich gerade auf der Jagd — sah ich durch die Blätter eines großen, mir unbekannten Baumes plötzlich zwei dunkle Augen fest auf mich gerichtet. Alarmiert verharrte ich regungslos in meiner Stellung. Minuten vergingen, dann öffnete sich vorsichtig das Blattwerk, und ein winziger Kopf streckte sich vor. Es war ein Mensch, genauer gesagt, ein Pygmäe. Der kleinste Pygmäe, dem ich jemals gegenübergestanden hatte! Seine Neugier wurde nur noch von der meinen übertroffen, denn sicher hatte er noch niemals ein zweibeiniges Wesen meiner Größe und meiner Farbe gesehen. Die Neugierde wurde bald so groß, dass er geschickt auf einen niedriger gelegenen Ast sprang und sich unmerklich näher heranschob. In der Hand trug er eine Sagaje, den langen Spieß der afrikanischen Völker, während sein Körper in der Mitte von einer Art Lumpen undefinierbarer Farbe bedeckt war. Ich machte ihm Zeichen, näher zu kommen, während ich die Hände dabei immer hoch streckte, um ihm zu zeigen, dass ich keine feindlichen Absichten gegen ihn hegte. Endlich stieg er vom Baum herunter. Dabei stieß er einige Kehllaute aus, worauf sofort überall um mich herum andere winzige Köpfchen in den Blättern auftauchten.
Meine Verblüffung wich bald einer verständlichen Erregung. Mein Herz begann wild zu schlagen, denn die Gegenwart des unwahrscheinlich kleinen Mannes ließ vermuten, dass ein noch völlig unbekanntes Zwergvolk in dieser Gegend zu Hause war. Das Männchen war tatsächlich kaum größer als 50 Zentimeter, es reichte mir ungefähr bis ans Knie. Sein weicher Körper, eher kupferbraun als schwarz, sein großer Bauch, seine breiten Füße, die an die Füße eines Affen erinnerten, verliehen ihm ein abstoßendes Äußeres. Das Männlein betrachtete mich mit einer so deutlichen Verblüffung, dass ich gegen meinen Willen laut lachen musste. 

2009/5/14

Die kleinsten Menschen - 1

@ 04:17 AM (6 months, 13 days ago)
Nicht allen sind ungewöhnliche Erlebnisse beschieden. Aber manche werden vom Schicksal begünstigt und verdanken ihre unerwarteten Begegnungen den erstaunlichsten Zufällen. Der Franzose Gerin und der Schweizer Pretre nahmen vor einiger Zeit an einer wissenschaftlichen Expedition in Äquatorialafrika teil und machten am äußersten Ende von Spanisch Guinea eine ungewöhnliche Entdeckung. Auf Busch- und Dschungelpfaden ins Innere vordringend, fanden beide Männer menschliche Wesen von so geringer Größe, dass gewöhnliche Pygmäen an ihrer Seite groß erscheinen. Zum ersten Mal haben damit Forscher im afrikanischen Busch Menschen gefunden, deren Größe 60 Zentimeter nicht übersteigt und denen der Gebrauch des Feuers noch unbekannt zu sein scheint. Handelt es sich um eine unbekannte Rasse? Marcel Pretre wagt nicht, das zu behaupten, weil er kein Etnograph ist. „Ich kann nur das sagen, was ich gesehen habe", erklärt er bescheiden, „und überlasse es den Wissenschaftlern, sich darüber zu äußern."
Wir waren im Mai aufgebrochen. Nach einer Luftreise, die ohne Zwischenfälle verlaufen war, und nach einer endlosen Fahrt in einem LKW durch die Buschlandschaft waren wir an ein sumpfiges Gebiet gelangt. Es hatte uns gezwungen, den Weg zu Fuß fortzusetzen, und meine Aufgabe bestand nun darin, die Expedition mit Wild zu versorgen. So kam es, dass ich fast den ganzen Tag auf Jagd war.
Je weiter wir vordrangen, desto mühseliger wurde der Marsch. Endlich erreichten wir Likouala, am äußersten Ende von Spanisch Guinea. Wie viel Tage mag diese wahrhaft höllische Fahrt gedauert haben? Allein meine eiligen Aufzeichnungen geben Auskunft darüber, denn in meinem Kopf war der Zeitbegriff wie ausgelöscht. Wie Phantome hatten wir uns durch den Schlamm gekämpft, der überall hervorquoll und durch die Sonne fast zum Kochen gebracht wurde. Der Pflanzenwuchs war unvorstellbar dicht. Die Träger, die unser Gepäck schleppten und dazu auch noch die Kanus, die wir zum überqueren der vielen Wasserläufe benötigten, mussten ihre Last jeden Augenblick absetzen, um der Spitzengruppe zu helfen, die sich bemühte, einen Weg durch das verfilzte Gestrüpp zu öffnen. Um uns herum spürten wir die Gegenwart Tausender unsichtbarer Wesen. Der phantastische Lärm des Busches war einem erstickten, fortgesetzten Murmeln gewichen, das aus flüchtigen Schleiftönen, aus Todesschreien zu bestehen schien, die, vom Schlamm aufgesogen, sich endlos wiederholten. Eine schreckliche Symphonie, gleichzeitig fern und sehr, sehr nah ... 

2009/5/12

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@ 03:51 AM (6 months, 15 days ago)
Dieser Web Blog beinhaltet Geschichten und Berichte - deshalb wurde auch die (Sub-) Überschrift "Erzähltes und Erlebtes" gewählt. Nachdem dies mein erster Internet Log ist bitte ich um etwas Geduld und Nachsicht da ich mich erst etwas einarbeiten muss - vielen Dank.